Exklusivinterview von LIPS mit Prof. Alfred Bodenheimer zum Krieg zwischen HAMAS und Israel

Prof. Bodenheimer ist Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel und Leiter des Zentrums für Jüdische Studien

LIPS: Am 7. Oktober 2023 kam es zu einer marodierenden Terrorattacke, für den sich der militärische Arm der HAMAS verantwortlich erklärte. Wie bewerten Sie die unterschiedlichen Perspektiven auf die HAMAS, einerseits als Widerstandsbewegung, anderseits als Terrororganisation in Bezug auf die internationalen Einstufungen?

Prof. Bodenheimer: In ihrer eigenen Wahrnehmung mag Hamas eine Widerstandsbewegung sein. Doch ihr Verständnis von Widerstand geht einher mit der Negierung des Existenzrechts Israels und dem Ziel, auf dessen von allen Fremdeinflüssen gereinigter Fläche einen Schariastaat zu errichten. Seit September 2021 sprachen Führer der Hamas offen und detailliert über ihre Pläne, einen – vermeintlichen – Plan Gottes umzusetzen und die Israelis zu töten und diejenigen, von denen sie sich Nutzen versprachen, zu versklaven. Leider wurde das auf israelischer Seite nicht ernstgenommen. 

Der 7. Oktober 2023 war zumindest ein erster Versuch, das umzusetzen. Dabei wurde zwischen israelischen Soldaten, Frauen, alten Menschen und Kleinkindern kein Unterschied gemacht, sie alle wurden ermordet, misshandelt oder entführt, ein typisches Charakteristikum von Terror. Hinzu kommt, dass Hamas und vor allem der militärische Anführer Yahiye Sinwar die angeblichen Interessen des Islam vertritt und nicht die des palästinensischen Volkes. Er hat bei früheren Gelegenheiten kundgetan, dass er bereit ist, unbegrenzt hohe Zahlen an toten Palästinensern hinzunehmen, um seine strategischen Ziele zu erreichen. Überdies hat die Hamas nach den Wahlen in Gaza 2007 die unterlegenen politischen Konkurrenten der Fatah-Partei auf eine Weise verfolgt, gefoltert und ermordet, die wie ein Vorspiel auf die Verbrechen des 7. Oktober wirkt. Fatah-Vertreter fühlten sich denn offensichtlich 2023, wie sie israelischen Gesprächspartnern mitteilten, an jene Zeit erinnert. 

Man muss also nicht nur die erklärten Ziele von Hamas ignorieren und nicht nur ihre Methoden gutheissen, sondern auch ihre innerpalästinensische Agenda und Geschichte, um sie nach dem Massaker an jüdischen und anderen Opfern in einer Weise zu feiern, wie wir das zum Teil im Westen gesehen haben

LIPS: Die Rolle des Westens in der Anerkennung von Staaten und in Konflikten wie dem zwischen Israel und Palästina ist oft Gegenstand internationaler Debatten. In Anbetracht der Tatsache, dass Palästina keinen offiziell anerkannten Status als autonomer Staat besitzt, während Israel breite internationale Anerkennung geniesst, welche Schritte sollten Ihrer Meinung nach westliche Staaten unternehmen, um zu einer gerechten und dauerhaften Lösung des Konflikts beizutragen?

Prof. Bodenheimer: Das Problem ist, dass es derzeit keine Anzeichen für eine innere Stabilisierung eines palästinensischen Gemeinwesens unter einer moderaten und demokratisch legitimierten Regierung gibt, auch nicht in der Westbank. Aber gerade im Aufbau demokratischer Strukturen besitzt der Westen unbestrittene Kompetenzen, und dies zu fördern, was eine Herkulesaufgabe ist, wäre ein wichtiger Beitrag sowohl für die palästinensische Bevölkerung selbst und ihre innenpolitische Situation als auch für den sehr schwierigen Vertrauensaufbau in der Region. 

Es zeigt sich zugleich zunehmend, dass eine Lösung des Konflikts in allererster Linie auf einer breiten Einbeziehung der regionalen Player beruhen muss. Damit meine ich Staaten, die mit Israel bereits Friedensverträge geschlossen habe wie Ägypten, Jordanien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, aber auch Saudi-Arabien und Katar. Die meisten dieser Staaten sind an einer Eindämmung von Unruhen, wie sie von der Hamas ausgehen, interessiert, und in der Regel erkennen sie im iranischen Regime den Urheber eines Netzwerks von militanten Bewegungen, die den ganzen Nahen Osten in einen Brandherd zu verwandeln drohen. 

Für den Iran, der eigentlich keinerlei unmittelbaren Konflikt mit Israel hätte, ist die Finanzierung des Terrors und das Streben nach der Atombombe zu einer zentralen machtpolitischen Waffe geworden. Es wird, so scheint mir, gerade im Westen bis heute zu wenig erkannt, dass dies zum Millionen von Leben vernichtenden Flächenbrand in einer ganzen Weltregion führen kann.

LIPS: Der UN-Teilungsplan von 1947 hat versucht, eine Lösung für den Konflikt zwischen jüdischen und arabischen Bevölkerungsgruppen durch die Aufteilung des Landes vorzuschlagen. Wie bewerten Sie die historischen Ansprüche und die Beziehung beider Völker – Juden und Araber – im Licht der langen Geschichte des Zusammenspiels und der Konflikte zwischen ihnen? Welche Rolle spielt dabei die Einflussnahme der westlichen Welt auf die Entwicklungen und Entscheidungen in dieser Region?


Prof. Bodenheimer: Der Teilungsplan und vor allem dessen Umsetzung war eigentlich eine Scheinlösung, weil er nur auf dem Reissbrett, aber nicht unter Einbeziehung der dort lebenden Menschen entstanden war. Grossbritannien konnte und wollte sich die Fortführung des UN-Mandats nach dem erschöpfenden Zweiten Weltkrieg nicht mehr leisten und beschloss unilateral die Aufgabe des Mandats, was dann erst den Uno-Plan auslöste. 

Die Juden drängten nach der Katastrophe der Shoah auf einen Staat, auch wenn die Grenzziehung im Uno-Plan für sie von den gezogenen Grenzen her ungünstig war, und die ansässige arabische Bevölkerung (die Definition „Palästinenser“ als Volksbegriff gab es damals noch nicht) lehnte ihn ab. Die „Lösung“ des Westens und der UN bestand darin, dass die Briten sich zu Mandatsende zurückzogen und die ansässigen Völker ohne weitere Kontroll- oder Moderationsinstanz sich selbst überliessen, obwohl man um die unüberbrückbaren Konflikte zwischen ihnen wusste. 

In diesem Sinne ist Israel definitiv nicht, wie heute oft behauptet wird, ein koloniales Projekt, sondern eine Folge des kolonialen Desasters und der Verantwortungslosigkeit der Kolonialmächte. Wäre das neugegründete und sehr elementar bewaffnete Israel von den arabischen Staaten, die es im Mai 1948 angriffen, zerstört worden, wäre eine solche zweite Shoah als weiterer Kollateralschaden europäischer Kolonialpolitik abgehakt geworden. 

Israels Entstehen war auch keineswegs ein Projekt des Westens, die westlichen Mächte verweigerten dem neugegründeten Staat jede Waffenlieferung, Israels Waffen kamen damals aus dem Ostblock, vornehmlich der Tschechoslowakei. Den arabischen Staaten, die unmittelbar nach der Staatsgründung Israel angriffen, ging es aber ebenfalls nicht um die Rechte der Palästinenser, sondern um das Sichern eigener Territorien in Palästina. 

So paradox es klingen mag: Erst nach Israels Eroberung der Westbank und des Gazastreifens von Jordanien bzw. Ägypten im Jahr 1967 wurde die Zweistaatenlösung zu einer realen Option, und in den 1990er und frühen 2000er Jahren bestand wirklich die Perspektive, sie umzusetzen, nicht nur bei führenden Politikern, sondern vor allem auch in beiden Völkern, und hier waren die USA unter Präsident Clinton als Moderator tatsächlich sehr engagiert. Extremisten beider Seiten haben diese Perspektive aber nachhaltig und gewalttätig zerstört. 

LIPS: Die jüngste Eskalation im Konflikt zwischen Israel und Gaza hat zu einer signifikanten Zahl von Opfern geführt. Wie bewerten Sie unter Berücksichtigung dieser Zahlen die Verhältnismäßigkeit der militärischen Aktionen der Israel Defence Forces (IDF)? 


Prof. Bodenheimer: Zunächst zur Opferzahl: Der amerikanische Statistiker Abraham Wyner hat im März 2024 in der NZZ dargelegt, dass die Hamas vermutlich die Opferzahlen in Gaza fälscht oder konstruiert. Entsprechend wissen wir vor allem nicht, wie das Verhältnis getöteter Hamas-Kombattanten, die für Israel legitime Ziele darstellen, gegenüber der getöteten Zivilbevölkerung in der Realität aussieht. Unabhängig davon sterben jedenfalls unschuldige Menschen in Gaza, die humanitäre Situation ist ebenfalls besorgniserregend, so berichtet Unicef von vielen mangelernährten Kindern. Israels restriktive Politik bei der humanitären Versorgung ist vor allem auf seinen Verdacht zurückzuführen, die Hamas würde einerseits Kriegsmaterial schmuggeln, andererseits auch Lebensmittel vor allem den eigenen Kräften und nicht der Masse der Bedürftigen zukommen lassen.

Wenn wir den Gazakrieg anschauen, müssen wir begreifen, worum es dabei für Israel geht. Faktisch nämlich ist am 7. Oktober eine Strategie der Abschreckung zusammengebrochen, auf der Israels Sicherheitskonzept über viele Jahre hin beruhte, nicht nur der Hamas gegenüber. Abschreckung lässt sich nur sehr schwer wiederherstellen, deshalb ist der Versuch, die Führung und die Strukturen dieser Organisation zu zerstören, aus der Sicht Israels geradezu überlebenswichtig. Damit soll ein Signal auch an die anderen Feinde Israels gesandt werden, etwa die viel stärker hochgerüstete Hizbollah im Libanon, aber auch militante Organisationen in der Westbank. 

Die jahrelange Präparierung des ganzen Gazastreifens als militärisches Operationsgebiet durch die Hamas, die Untertunnelung oder die Durchsetzung ziviler Institutionen und Wohnhäuser mit Waffenlagern zeitigt entsprechende Folgen bei der Kriegsführung und Opferzahl. Das wird noch verstärkt durch die Existenz von immer noch über 130 Geiseln, von denen zumindest ein grösserer Teil noch am Leben sein dürfte. Gäbe es diese Geiseln nicht, die ein zusätzlicher Schutzschild für die Hamas-Führung in den Tunnels ist, wäre es für die Israelis einfacher, den Kampf in den Tunnels, u.a. mit speziellen Drohnen, zu führen. Ob die angewandten Mittel am Ende die für Israel zielführenden sind, darüber wird nicht zuletzt in Israel selbst auch unter Experten intensiv diskutiert. 

LIPS: Welche alternativen Strategien könnten in Betracht gezogen werden, um nicht nur die unmittelbare Sicherheit Israels zu gewährleisten, sondern auch langfristig die Ursachen für den Widerstand und die Unruhen in Gaza anzugehen? 


Prof. Bodenheimer: Als Israel 2005 seine Soldaten abzog und auch die dort lebenden Siedler aus dem Gazastreifen evakuierte, tat es dies in der Hoffnung, nie mehr militärisch dort präsent sein zu müssen. Man muss wissen, dass die Besetzung des Gazastreifens (was heute von den messianischen Nostalgikern, die von einer jüdischen Besiedlung Gazas träumen, verdrängt wird) mit immensen Opfern vor allem der Leben von Soldaten einherging. 

Ob die heute in Israel oft zu hörende Bemerkung, die Palästinenser hätten nach 2005 dort ein zweites Singapur aufbauen können, damals in Israel eine reale Erwartung war, kann man rückblickend schwer sagen. Die Sperrung des Gazastreifens nach Raketen- und Terrorangriffen auf Israel enthielt jedenfalls in der Folge immer noch die Möglichkeit für Tausende palästinensischer Arbeitskräfte, in Israel ein Vielfaches zu verdienen, und gerade vor dem 7.Oktober hatte sich in Israel der Glaube breitgemacht, ein sich abzeichnender wirtschaftlicher Aufschwung könnte auch die Hamas hin zu einer realpolitischen Wende bewegen, mit Blick auf das Wohlergehen der eigenen Bevölkerung. Das erwies sich als verhängnisvoller Irrtum. 

Sicher scheint mir, wie ich schon vorher erwähnt habe: Zukünftige Lösungen müssen unter Einbeziehung der arabischen Staaten der Region erarbeitet werden, auch in der Hoffnung, dass diese einfacher ein vertrauensvolles Verhältnis zu der palästinensischen Bevölkerung aufbauen können und dass sie ein profundes Interesse daran haben, den ihre eigenen Strukturen gefährdenden Islamismus der Hamas zurückzudrängen. 

Es ist meiner Ansicht nach ein sträfliches Versäumnis der jetzigen israelischen Regierung, nicht schon zu einem frühen Zeitpunkt des Krieges darüber in intensiven und lösungsorientierten Austausch mit den arabischen Staaten getreten zu sein. Irrwitzige Projekte wie der Plan, Hunderttausende Palästinenser vorübergehend nach Ägypten zu evakuieren, haben in den arabischen Ländern Schaden verursacht. 


LIPS: Wie schätzen Sie die Situation der Zivilbevölkerung in Gaza unter der Herrschaft der HAMAS ein? Gibt es Raum für zivilgesellschaftliche Opposition oder Ansätze zur Bildung einer solchen?


Prof. Bodenheimer: Sicher ist, dass die Hamas, die nach den für sie erfolgreichen Wahlen von 2006 die politische Konkurrenz gewalttätig ausgeschaltet und die Macht übernommen hat, den Gazastreifen sowohl wirtschaftlich wie strukturell vollends zu einem Operationsgebiet für den Kampf gegen Israel ausgestaltet hat. Sinwar soll geprahlt haben, 250 Millionen Dollar in die unterirdischen Tunnels gesteckt zu haben, während in Gaza ohne Hilfslieferungen schon seit Jahren nichts mehr funktioniert hatte. Die Zivilbevölkerung hatte sich dem unterzuordnen oder diente im schlechteren Falle als Schutzschild. Der Aufbau einer Zivilgesellschaft war unter diesen Umständen kaum möglich. 

Hinzu kommt: Wie immer man die Position der dort tätigen Uno-Hilfsorganisation UNRWA beurteilt, die sich derzeit gegen schwerwiegende Vorwürfe Israels einer mangelhaften Abgrenzung vom Terror, bzw. einer Verstrickung darin, erwehrt: Auch in den von ihr betriebenen Schulen und auch in den vom Westen finanzierten Lehrmaterialien wurde nicht eine Erziehung zu Demokratie und Rechtsstaat gefördert. 

Wie heute die politische Situation aussieht, lässt sich schwer ermitteln, denn zur sehr beeinträchtigten Nachrichtenlage kommt zusätzlich die prekäre Situation zahlreicher Binnenflüchtlinge. Man hört bisweilen von offenen oder verdeckten Protesten gegen die Hamas, die für die heutige desaströse Lage verantwortlich gemacht wird. Doch daraus das Wachsen eines nachhaltigen und vor allem politisch ausgereiften alternativen neuen Systems zu erwarten, wäre naiv.
 


LIPS: Welche Lösungsansätze für den Israel-Palästina-Konflikt halten Sie für realistisch? Wie könnten eine Ein-Staaten- oder Zwei-Staaten-Lösung konkret aussehen, und welche Herausforderungen würden sich dabei stellen?


Prof. Bodenheimer: Es wird bei den theoretischen Erwägungen darüber erstaunlicherweise oft übersehen, dass es für tragfähige Lösungen zumindest eine kritische Masse an Menschen in den unterschiedlichen Bevölkerungen braucht, die sie engagiert mitträgt. Daran scheint sich seit der Mitte des letzten Jahrhunderts kaum etwas geändert zu haben. Derzeit halte ich keine der diskutierten Lösungen für aussichtsreich. 

Die Einstaatenlösung widerspricht schon unserer historischen Erfahrung. Meine Generation hat eine Anzahl bi- oder multinationaler Staaten zerfallen sehen. Im Falle der Tschechoslowakei verlief dies friedlich, im Falle Jugoslawiens oder des Sudan überhaupt nicht. Wir haben aber nur in einem Fall das friedliche Zusammenwachsen zweier Staaten gesehen, nämlich im Fall des zuvor künstlich getrennten Deutschlands, und selbst dort, wo die Menschen ethnisch, sprachlich und historisch zusammengehörten, waren und sind die Reibungsverluste und politischen Herausforderungen enorm. Wie wollen Sie da zwei Gruppen, die sich gegenseitig nicht über den Weg trauen und sich seit hundert Jahren bekämpfen, künstlich in einen Staat packen? Das ist weltfremdes Wunschdenken. 

Doch auch die Zweistaatenlösung hat heute keine guten Karten. Auf der israelischen Seite – und nur über diese kann ich aus tieferer Kenntnis sprechen – ist spätestens seit dem 7. Oktober auch bis weit in das sogenannte einstige Friedenslager hinein die Angst vorhanden, Palästinenser würden staatliche Unabhängigkeit vor allem nutzen, um ein hochgerüstetes Aufmarschgebiet gegen Israel zu schaffen, womöglich unterstützt vom Iran. Die Ursache des ganzen Unglücks ist das tiefsitzende Misstrauen auf beiden Seiten. Hinzu kommt, dass es auf beiden Seiten genügend Akteure gibt, die alles dafür tun würden, um vertrauensbildende Massnahmen zwischen den Gesellschaften zu zerstören. Wir haben das in den 1990er Jahren durch palästinensische Selbstmordattentate und die Mordaktion eines jüdischen Attentäters auf muslimische Betende in Hebron sowie durch den Mord an Ministerpräsident Rabin erlebt. 

Wenn es etwas wie eine Lösung gibt, dann nur in einem breiter angelegten regionalen Lösungsprojekt. 


LIPS: Wie bewerten Sie die Möglichkeit eines Rückzugs israelischer Siedlungen aus dem Westjordanland im Vergleich zum Rückzug aus dem Gaza-Streifen im Jahr 2005? Welche Lehren sollten aus früheren Erfahrungen gezogen werden?


Prof. Bodenheimer:  In der derzeitigen Konstellation sind die Siedlerinnen und Siedler weit überproportional zu ihrem Bevölkerungsanteil in der Koalition und der Regierung vertreten. Doch selbst nach Neuwahlen hätten sie eine zu starke Lobby und Teile von ihnen auch eine zu hohe Gewaltbereitschaft, aber mittlerweile auch eine zu hohe Präsenz von eigenen Leuten und Sympathisanten in der Armee, als dass ich mir das Auflösen von Siedlungen vorstellen könnte, die ja die Armee durchführen müsste. Vor zwanzig Jahren war der Widerstand der Siedler von Gaza noch ein gewaltloser und die Armeeangehörigen folgten den Anweisungen konsequent, doch das wäre heute in einem vergleichbaren Fall nicht mehr zu erwarten.

Doch das Problem liegt m.E. gar nicht in erster Linie dort, denn für das besiedelte Gebiet in der Westbank könnten alternative Gebiete im israelischen Kernland eingetauscht werden. Das Problem liegt hauptsächlich im schon geschilderten gegenseitigen Misstrauen. Wenn keine Seite daran glaubt, dass die andere Seite wirklich will, dass es am Ende für beide funktioniert und friedliche Koexistenz das oberste Ziel ist, dann ist die Sache a priori chancenlos.
 


LIPS: Trotz der Konfliktsituation gibt es Berichte über Freundschaftsgruppen zwischen Palästinensern und Israelis. Wie könnten Empathie und gegenseitiges Verständnis weiter gefördert werden, auch international?


Prof. Bodenheimer:  Lassen Sie mich verschiedene Aspekte trennen: Die israelisch-palästinensischen Beziehungsnetze sind nach dem 7. Oktober schwer beschädigt. Die Projekte, die gerade von manchen der ermordeten Bewohnerinnen und Bewohner der Kibbuzim ausgingen, haben nicht nur keine Früchte getragen, sondern zum Teil dem Ausspionieren der Kibbuzim zum Zweck eines effizienteren Massakers Vorschub geleistet. In Israel ist das Vertrauen in echte, unverbrüchliche Freundschaften mit Palästinenserinnen und Palästinensern so niedrig wie wohl kaum je zuvor. Zugleich haben sich die Araberinnen und Araber mit israelischem Pass insgesamt durch den Überfall nicht, wie von der Hamas wohl erhofft, als «fünfte Kolonne» aufhetzen lassen. Damit haben sie implizit ein Bekenntnis zu Israel abgegeben. Zwar gibt es in letzter Zeit vermehrt Hinweise auf die Organisation terroristischer Zellen unter den arabischen Israelis, aber die überwältigende Mehrheit ist an einem Bestehen und Funktionieren des israelischen Staates interessiert.
 


LIPS: Vor dem Überfall gab es in Israel wachsenden Widerstand gegen die Regierung Netanyahu. Wie schätzen Sie die aktuelle Stimmung in der israelischen Bevölkerung ein, und für wie wahrscheinlich halten Sie politische Veränderungen in dieser angespannten Situation?


Prof. Bodenheimer: Wir könnten derzeit ein Kippmoment erleben, indem nach einem halben Jahr Krieg die nationale Solidarität, gepaart mit der Traumatisierung, die die Protestbewegung nach dem 7. Oktober lahmlegte, von einer nun noch wütenderen Protestwelle abgelöst wird – und anders als vor dem 7. Oktober, wo die Proteste gegen die Aushöhlung der Gewaltenteilung durch die Regierung gerichtet waren, wird nun das Ende der Regierung Netanyahu direkt gefordert.

Die Regierung hat es nicht geschafft, in dieser Krise an Statur zu gewinnen, sondern im Gegenteil ihre Unfähigkeit, Korruption und erschreckende Kälte gegenüber den Sorgen der Geiseln und ihren Angehörigen treten nur noch deutlicher zutage. 

Zugleich wird klar, dass die Regierung alles tun wird, um Neuwahlen zu verhindern, gerade auch aufgrund ihrer Unpopularität in den Umfragen. Die Situation ist innenpolitisch mittlerweile fast schon angespannter als vor dem Massaker. Doch es gibt in der ganzen Sache auch noch einige Unwägbarkeiten, etwa ob es zu einer Ausweitung der Kriegshandlungen im Norden kommt, wo immer noch Zehntausende von Israelis wegen der Präsenz der Hizbollah an der Grenze nicht in ihre Häuser zurückkehren können. Damit würden die innenpolitischen Spannungen wohl notgedrungen in den Hintergrund treten. 

Doch selbst wenn es zu Neuwahlen käme und Netanyahus Likud erwartungsgemäss viele Sitze in der Knesset verlieren würde, wäre noch unklar, wie es weitergeht. Israels Parteienlandschaft ist volatil, und es drängen voraussichtlich eine Reihe gemässigt rechter Politiker mit eigenen Parteien in die Knesset, was dazu führen könnte, dass sich etliche Parteien neutralisieren, was Netanyahu in die Hände spielen könnte. Aber das ist schon sehr weit gedacht.

LIPS: In welchem Kontext sehen Sie die Handlungen der aktuellen israelischen Regierung in Bezug auf internationale Resolutionen und den Umgang mit dem Konflikt? Gibt es Parallelen zu anderen autoritären Regierungen?


Prof. Bodenheimer: Man muss verstehen, dass Israel mit einem gewissen Recht gegenüber internationalen Resolutionen eine Ablehnung aufgebaut hat, unabhängig von der Regierung, denn Israel wird in absurd unproportionaler Weise in der Uno mehr verurteilt als jedes andere Land. Aber das kann natürlich auch zu einer gewissen Selbstgerechtigkeit führen. Dass die USA in einem bestimmten Fall auf ihr Veto verzichteten, ist jedenfalls besorgniserregend. 

Ob man die israelische Regierung als autoritär bezeichnen kann, weiss ich nicht. Gewiss wäre sie es gern, ist aber mit diesem Vorhaben bisher weitestgehend am zivilen Widerstand gescheitert. Aber es ist sicher so, dass die fehlende Bereitschaft, sich mit internationalen Playern zu akkordieren, von den Rechtsextremisten in der Regierung beeinflusst ist, denen sich Netanjahu beugt.

LIPS: Out-of-the-box gedacht: Was halten Sie von der Aussicht auf ein «New Middle East», wie präsentiert von Prinzessin Reema bint Bandar al-Saud, Botschafterin in Washington, als Skizze an einer Konferenz im US-Skiort Aspen: ein prosperierender neuer Naher Osten, ein ebensolches Gebiet Rotes Meer und ebensolche afrikanische Nachbarstaaten – unter Einschluss von Palästina, womöglich auch Israel (im Gegensatz zur Arabischen Liga, welche zunächst der gemeinsame Feind Israel verband)? Dies nach einem Prozess, der zu einem vereinten, integrierten Nahen Osten als einem Block, ähnlich wie die Europäische Union, mit souveränen Staaten und gemeinsamen Zielen führt.

Prof. Bodenheimer:  Der Begriff „New Middle East“ ist eigentlich ein Begriff, der mich an den einstigen israelischen Ministerpräsidenten Shimon Peres erinnert. Er hat 1994, im Kontext der Hoffnungen des Oslo-Abkommens mit den Palästinensern, ein Buch mit diesem Titel veröffentlicht. Wenn der Begriff nun wieder aufkommt, kann man einerseits trauern, dass dreissig Jahre vergangen sind und viel Blut geflossen ist, bevor er nun von anderer Seite wieder genannt wird.

Ich habe ja selbst auch zuvor gesagt, dass ich mir eine Zukunft nur in einem grösseren regionalen Rahmen vorstellen kann. Dafür wäre zunächst wichtig, dass Israel die Unterstützung der USA und seine wirtschaftliche Potenz nicht verliert, denn ohne diese hat das Land weniger Gewicht in einer solchen Konstellation. 

So vorsichtig man bei Initiativen eines Landes wie Saudi-Arabien mit seiner verheerenden Menschenrechtsbilanz und eigenen fundamentalistischen Tendenzen sein muss, letztlich geht meiner Ansicht nach die Zukunft im Nahen Osten, sofern sie für die Menschen ein Entkommen aus Hass, Tod und Zerstörung bringen soll, in diese Richtung. Israel kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen. 

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