{"id":1281,"date":"2024-04-12T14:09:30","date_gmt":"2024-04-12T14:09:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lips-org.ch\/?p=1281"},"modified":"2024-04-13T15:19:20","modified_gmt":"2024-04-13T15:19:20","slug":"exklusivinterview-von-lips-mit-prof-alfred-bodenheimer-zum-krieg-zwischen-hamas-und-israel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lips-org.ch\/?p=1281","title":{"rendered":"Exklusivinterview von LIPS mit Prof. Alfred Bodenheimer zum Krieg zwischen HAMAS und Israel"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"1281\" class=\"elementor elementor-1281\" data-elementor-post-type=\"post\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-21555f1 e-flex e-con-boxed e-con e-parent\" data-id=\"21555f1\" data-element_type=\"container\" data-e-type=\"container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"e-con-inner\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-4e24fa8 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"4e24fa8\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1303 alignleft\" src=\"https:\/\/www.lips-org.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/AlfredBodenheimer\u00a9BrunoBiermann-1-2-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.lips-org.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/AlfredBodenheimer\u00a9BrunoBiermann-1-2-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.lips-org.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/AlfredBodenheimer\u00a9BrunoBiermann-1-2-681x1024.jpg 681w, https:\/\/www.lips-org.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/AlfredBodenheimer\u00a9BrunoBiermann-1-2-768x1154.jpg 768w, https:\/\/www.lips-org.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/AlfredBodenheimer\u00a9BrunoBiermann-1-2-1022x1536.jpg 1022w, https:\/\/www.lips-org.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/AlfredBodenheimer\u00a9BrunoBiermann-1-2-1000x1503.jpg 1000w, https:\/\/www.lips-org.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/AlfredBodenheimer\u00a9BrunoBiermann-1-2-230x346.jpg 230w, https:\/\/www.lips-org.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/AlfredBodenheimer\u00a9BrunoBiermann-1-2-350x526.jpg 350w, https:\/\/www.lips-org.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/AlfredBodenheimer\u00a9BrunoBiermann-1-2-480x721.jpg 480w, https:\/\/www.lips-org.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/AlfredBodenheimer\u00a9BrunoBiermann-1-2.jpg 1331w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/>Prof. Bodenheimer ist Professor f\u00fcr J\u00fcdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universit\u00e4t Basel und Leiter des Zentrums f\u00fcr J\u00fcdische Studien<\/span><\/p><p><b>LIPS: Am 7. Oktober 2023 kam es zu einer marodierenden Terrorattacke, f\u00fcr den sich der milit\u00e4rische Arm der HAMAS verantwortlich erkl\u00e4rte. Wie bewerten Sie die unterschiedlichen Perspektiven auf die HAMAS, einerseits als Widerstandsbewegung, anderseits als Terrororganisation in Bezug auf die internationalen Einstufungen?<\/b><\/p><p><b>Prof. Bodenheimer:<\/b> In ihrer eigenen Wahrnehmung mag Hamas eine Widerstandsbewegung sein. Doch ihr Verst\u00e4ndnis von Widerstand geht einher mit der Negierung des Existenzrechts Israels und dem Ziel, auf dessen von allen Fremdeinfl\u00fcssen gereinigter Fl\u00e4che einen Schariastaat zu errichten. Seit September 2021 sprachen F\u00fchrer der Hamas offen und detailliert \u00fcber ihre Pl\u00e4ne, einen \u2013 vermeintlichen \u2013 Plan Gottes umzusetzen und die Israelis zu t\u00f6ten und diejenigen, von denen sie sich Nutzen versprachen, zu versklaven. Leider wurde das auf israelischer Seite nicht ernstgenommen.\u00a0<\/p><p>Der 7. Oktober 2023 war zumindest ein erster Versuch, das umzusetzen. Dabei wurde zwischen israelischen Soldaten, Frauen, alten Menschen und Kleinkindern kein Unterschied gemacht, sie alle wurden ermordet, misshandelt oder entf\u00fchrt, ein typisches Charakteristikum von Terror. Hinzu kommt, dass Hamas und vor allem der milit\u00e4rische Anf\u00fchrer Yahiye Sinwar die angeblichen Interessen des Islam vertritt und nicht die des pal\u00e4stinensischen Volkes. Er hat bei fr\u00fcheren Gelegenheiten kundgetan, dass er bereit ist, unbegrenzt hohe Zahlen an toten Pal\u00e4stinensern hinzunehmen, um seine strategischen Ziele zu erreichen. \u00dcberdies hat die Hamas nach den Wahlen in Gaza 2007 die unterlegenen politischen Konkurrenten der Fatah-Partei auf eine Weise verfolgt, gefoltert und ermordet, die wie ein Vorspiel auf die Verbrechen des 7. Oktober wirkt. Fatah-Vertreter f\u00fchlten sich denn offensichtlich 2023, wie sie israelischen Gespr\u00e4chspartnern mitteilten, an jene Zeit erinnert.\u00a0<\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Man muss also nicht nur die erkl\u00e4rten Ziele von Hamas ignorieren und nicht nur ihre Methoden gutheissen, sondern auch ihre innerpal\u00e4stinensische Agenda und Geschichte, um sie nach dem Massaker an j\u00fcdischen und anderen Opfern in einer Weise zu feiern, wie wir das zum Teil im Westen gesehen haben<\/span><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u2028<\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>LIPS: Die Rolle des Westens in der Anerkennung von Staaten und in Konflikten wie dem zwischen Israel und Pal\u00e4stina ist oft Gegenstand internationaler Debatten. In Anbetracht der Tatsache, dass Pal\u00e4stina keinen offiziell anerkannten Status als autonomer Staat besitzt, w\u00e4hrend Israel breite internationale Anerkennung geniesst, welche Schritte sollten Ihrer Meinung nach westliche Staaten unternehmen, um zu einer gerechten und dauerhaften L\u00f6sung des Konflikts beizutragen?<\/b><\/span><b>\u2028<\/b><\/p><p><b>Prof. Bodenheimer: <\/b>Das Problem ist, dass es derzeit keine Anzeichen f\u00fcr eine innere Stabilisierung eines pal\u00e4stinensischen Gemeinwesens unter einer moderaten und demokratisch legitimierten Regierung gibt, auch nicht in der Westbank. Aber gerade im Aufbau demokratischer Strukturen besitzt der Westen unbestrittene Kompetenzen, und dies zu f\u00f6rdern, was eine Herkulesaufgabe ist, w\u00e4re ein wichtiger Beitrag sowohl f\u00fcr die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung selbst und ihre innenpolitische Situation als auch f\u00fcr den sehr schwierigen Vertrauensaufbau in der Region.\u00a0<\/p><p>Es zeigt sich zugleich zunehmend, dass eine L\u00f6sung des Konflikts in allererster Linie auf einer breiten Einbeziehung der regionalen Player beruhen muss. Damit meine ich Staaten, die mit Israel bereits Friedensvertr\u00e4ge geschlossen habe wie \u00c4gypten, Jordanien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, aber auch Saudi-Arabien und Katar. Die meisten dieser Staaten sind an einer Eind\u00e4mmung von Unruhen, wie sie von der Hamas ausgehen, interessiert, und in der Regel erkennen sie im iranischen Regime den Urheber eines Netzwerks von militanten Bewegungen, die den ganzen Nahen Osten in einen Brandherd zu verwandeln drohen.\u00a0<\/p><p>F\u00fcr den Iran, der eigentlich keinerlei unmittelbaren Konflikt mit Israel h\u00e4tte, ist die Finanzierung des Terrors und das Streben nach der Atombombe zu einer zentralen machtpolitischen Waffe geworden. Es wird, so scheint mir, gerade im Westen bis heute zu wenig erkannt, dass dies zum Millionen von Leben vernichtenden Fl\u00e4chenbrand in einer ganzen Weltregion f\u00fchren kann.<\/p><p><b>LIPS: Der UN-Teilungsplan von 1947 hat versucht, eine L\u00f6sung f\u00fcr den Konflikt zwischen j\u00fcdischen und arabischen Bev\u00f6lkerungsgruppen durch die Aufteilung des Landes vorzuschlagen. Wie bewerten Sie die historischen Anspr\u00fcche und die Beziehung beider V\u00f6lker \u2013 Juden und Araber \u2013 im Licht der langen Geschichte des Zusammenspiels und der Konflikte zwischen ihnen? Welche Rolle spielt dabei die Einflussnahme der westlichen Welt auf die Entwicklungen und Entscheidungen in dieser Region?\u2028<\/b><\/p><p><b>Prof. Bodenheimer:\u00a0<\/b><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Der Teilungsplan und vor allem dessen Umsetzung war eigentlich eine Scheinl\u00f6sung, weil er nur auf dem Reissbrett, aber nicht unter Einbeziehung der dort lebenden Menschen entstanden war. Grossbritannien konnte und wollte sich die Fortf\u00fchrung des UN-Mandats nach dem ersch\u00f6pfenden Zweiten Weltkrieg nicht mehr leisten und beschloss unilateral die Aufgabe des Mandats, was dann erst den Uno-Plan ausl\u00f6ste.\u00a0<\/span><\/p><p>Die Juden dr\u00e4ngten nach der Katastrophe der Shoah auf einen Staat, auch wenn die Grenzziehung im Uno-Plan f\u00fcr sie von den gezogenen Grenzen her ung\u00fcnstig war, und die ans\u00e4ssige arabische Bev\u00f6lkerung (die Definition \u201ePal\u00e4stinenser\u201c als Volksbegriff gab es damals noch nicht) lehnte ihn ab. Die \u201eL\u00f6sung\u201c des Westens und der UN bestand darin, dass die Briten sich zu Mandatsende zur\u00fcckzogen und die ans\u00e4ssigen V\u00f6lker ohne weitere Kontroll- oder Moderationsinstanz sich selbst \u00fcberliessen, obwohl man um die un\u00fcberbr\u00fcckbaren Konflikte zwischen ihnen wusste.\u00a0<\/p><p>In diesem Sinne ist Israel definitiv nicht, wie heute oft behauptet wird, ein koloniales Projekt, sondern eine Folge des kolonialen Desasters und der Verantwortungslosigkeit der Kolonialm\u00e4chte. W\u00e4re das neugegr\u00fcndete und sehr elementar bewaffnete Israel von den arabischen Staaten, die es im Mai 1948 angriffen, zerst\u00f6rt worden, w\u00e4re eine solche zweite Shoah als weiterer Kollateralschaden europ\u00e4ischer Kolonialpolitik abgehakt geworden.\u00a0<\/p><p>Israels Entstehen war auch keineswegs ein Projekt des Westens, die westlichen M\u00e4chte verweigerten dem neugegr\u00fcndeten Staat jede Waffenlieferung, Israels Waffen kamen damals aus dem Ostblock, vornehmlich der Tschechoslowakei. Den arabischen Staaten, die unmittelbar nach der Staatsgr\u00fcndung Israel angriffen, ging es aber ebenfalls nicht um die Rechte der Pal\u00e4stinenser, sondern um das Sichern eigener Territorien in Pal\u00e4stina.\u00a0<\/p><p>So paradox es klingen mag: Erst nach Israels Eroberung der Westbank und des Gazastreifens von Jordanien bzw. \u00c4gypten im Jahr 1967 wurde die Zweistaatenl\u00f6sung zu einer realen Option, und in den 1990er und fr\u00fchen 2000er Jahren bestand wirklich die Perspektive, sie umzusetzen, nicht nur bei f\u00fchrenden Politikern, sondern vor allem auch in beiden V\u00f6lkern, und hier waren die USA unter Pr\u00e4sident Clinton als Moderator tats\u00e4chlich sehr engagiert. Extremisten beider Seiten haben diese Perspektive aber nachhaltig und gewaltt\u00e4tig zerst\u00f6rt.\u00a0<\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>LIPS: Die j\u00fcngste Eskalation im Konflikt zwischen Israel und Gaza hat zu einer signifikanten Zahl von Opfern gef\u00fchrt. Wie bewerten Sie unter Ber\u00fccksichtigung dieser Zahlen die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der milit\u00e4rischen Aktionen der Israel Defence Forces (IDF)? \u2028<\/b><\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>Prof. Bodenheimer:<\/b><\/span><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0<\/span><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Zun\u00e4chst zur Opferzahl: Der amerikanische Statistiker Abraham Wyner hat im M\u00e4rz 2024 in der NZZ dargelegt, dass die Hamas vermutlich die Opferzahlen in Gaza f\u00e4lscht oder konstruiert. Entsprechend wissen wir vor allem nicht, wie das Verh\u00e4ltnis get\u00f6teter Hamas-Kombattanten, die f\u00fcr Israel legitime Ziele darstellen, gegen\u00fcber der get\u00f6teten Zivilbev\u00f6lkerung in der Realit\u00e4t aussieht. Unabh\u00e4ngig davon sterben jedenfalls unschuldige Menschen in Gaza, die humanit\u00e4re Situation ist ebenfalls besorgniserregend, so berichtet Unicef von vielen mangelern\u00e4hrten Kindern. Israels restriktive Politik bei der humanit\u00e4ren Versorgung ist vor allem auf seinen Verdacht zur\u00fcckzuf\u00fchren, die Hamas w\u00fcrde einerseits Kriegsmaterial schmuggeln, andererseits auch Lebensmittel vor allem den eigenen Kr\u00e4ften und nicht der Masse der Bed\u00fcrftigen zukommen lassen.<\/span><\/p><p>Wenn wir den Gazakrieg anschauen, m\u00fcssen wir begreifen, worum es dabei f\u00fcr Israel geht. Faktisch n\u00e4mlich ist am 7. Oktober eine Strategie der Abschreckung zusammengebrochen, auf der Israels Sicherheitskonzept \u00fcber viele Jahre hin beruhte, nicht nur der Hamas gegen\u00fcber. Abschreckung l\u00e4sst sich nur sehr schwer wiederherstellen, deshalb ist der Versuch, die F\u00fchrung und die Strukturen dieser Organisation zu zerst\u00f6ren, aus der Sicht Israels geradezu \u00fcberlebenswichtig. Damit soll ein Signal auch an die anderen Feinde Israels gesandt werden, etwa die viel st\u00e4rker hochger\u00fcstete Hizbollah im Libanon, aber auch militante Organisationen in der Westbank.\u00a0<\/p><p>Die jahrelange Pr\u00e4parierung des ganzen Gazastreifens als milit\u00e4risches Operationsgebiet durch die Hamas, die Untertunnelung oder die Durchsetzung ziviler Institutionen und Wohnh\u00e4user mit Waffenlagern zeitigt entsprechende Folgen bei der Kriegsf\u00fchrung und Opferzahl. Das wird noch verst\u00e4rkt durch die Existenz von immer noch \u00fcber 130 Geiseln, von denen zumindest ein gr\u00f6sserer Teil noch am Leben sein d\u00fcrfte. G\u00e4be es diese Geiseln nicht, die ein zus\u00e4tzlicher Schutzschild f\u00fcr die Hamas-F\u00fchrung in den Tunnels ist, w\u00e4re es f\u00fcr die Israelis einfacher, den Kampf in den Tunnels, u.a. mit speziellen Drohnen, zu f\u00fchren. Ob die angewandten Mittel am Ende die f\u00fcr Israel zielf\u00fchrenden sind, dar\u00fcber wird nicht zuletzt in Israel selbst auch unter Experten intensiv diskutiert.\u00a0<span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u2028<\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>LIPS: Welche alternativen Strategien k\u00f6nnten in Betracht gezogen werden, um nicht nur die unmittelbare Sicherheit Israels zu gew\u00e4hrleisten, sondern auch langfristig die Ursachen f\u00fcr den Widerstand und die Unruhen in Gaza anzugehen? \u2028<\/b><\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>Prof. Bodenheimer:<\/b><\/span><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0<\/span><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Als Israel 2005 seine Soldaten abzog und auch die dort lebenden Siedler aus dem Gazastreifen evakuierte, tat es dies in der Hoffnung, nie mehr milit\u00e4risch dort pr\u00e4sent sein zu m\u00fcssen. Man muss wissen, dass die Besetzung des Gazastreifens (was heute von den messianischen Nostalgikern, die von einer j\u00fcdischen Besiedlung Gazas tr\u00e4umen, verdr\u00e4ngt wird) mit immensen Opfern vor allem der Leben von Soldaten einherging.\u00a0<\/span><\/p><p>Ob die heute in Israel oft zu h\u00f6rende Bemerkung, die Pal\u00e4stinenser h\u00e4tten nach 2005 dort ein zweites Singapur aufbauen k\u00f6nnen, damals in Israel eine reale Erwartung war, kann man r\u00fcckblickend schwer sagen. Die Sperrung des Gazastreifens nach Raketen- und Terrorangriffen auf Israel enthielt jedenfalls in der Folge immer noch die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Tausende pal\u00e4stinensischer Arbeitskr\u00e4fte, in Israel ein Vielfaches zu verdienen, und gerade vor dem 7.Oktober hatte sich in Israel der Glaube breitgemacht, ein sich abzeichnender wirtschaftlicher Aufschwung k\u00f6nnte auch die Hamas hin zu einer realpolitischen Wende bewegen, mit Blick auf das Wohlergehen der eigenen Bev\u00f6lkerung. Das erwies sich als verh\u00e4ngnisvoller Irrtum.\u00a0<\/p><p>Sicher scheint mir, wie ich schon vorher erw\u00e4hnt habe: Zuk\u00fcnftige L\u00f6sungen m\u00fcssen unter Einbeziehung der arabischen Staaten der Region erarbeitet werden, auch in der Hoffnung, dass diese einfacher ein vertrauensvolles Verh\u00e4ltnis zu der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung aufbauen k\u00f6nnen und dass sie ein profundes Interesse daran haben, den ihre eigenen Strukturen gef\u00e4hrdenden Islamismus der Hamas zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.\u00a0<\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Es ist meiner Ansicht nach ein str\u00e4fliches Vers\u00e4umnis der jetzigen israelischen Regierung, nicht schon zu einem fr\u00fchen Zeitpunkt des Krieges dar\u00fcber in intensiven und l\u00f6sungsorientierten Austausch mit den arabischen Staaten getreten zu sein. Irrwitzige Projekte wie der Plan, Hunderttausende Pal\u00e4stinenser vor\u00fcbergehend nach \u00c4gypten zu evakuieren, haben in den arabischen L\u00e4ndern Schaden verursacht.<\/span><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0\u2028<\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>LIPS: Wie sch\u00e4tzen Sie die Situation der Zivilbev\u00f6lkerung in Gaza unter der Herrschaft der HAMAS ein? Gibt es Raum f\u00fcr zivilgesellschaftliche Opposition oder Ans\u00e4tze zur Bildung einer solchen?\u2028<\/b><\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>Prof. Bodenheimer:<\/b><\/span><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0<\/span><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Sicher ist, dass die Hamas, die nach den f\u00fcr sie erfolgreichen Wahlen von 2006 die politische Konkurrenz gewaltt\u00e4tig ausgeschaltet und die Macht \u00fcbernommen hat, den Gazastreifen sowohl wirtschaftlich wie strukturell vollends zu einem Operationsgebiet f\u00fcr den Kampf gegen Israel ausgestaltet hat. Sinwar soll geprahlt haben, 250 Millionen Dollar in die unterirdischen Tunnels gesteckt zu haben, w\u00e4hrend in Gaza ohne Hilfslieferungen schon seit Jahren nichts mehr funktioniert hatte. Die Zivilbev\u00f6lkerung hatte sich dem unterzuordnen oder diente im schlechteren Falle als Schutzschild. Der Aufbau einer Zivilgesellschaft war unter diesen Umst\u00e4nden kaum m\u00f6glich.\u00a0<\/span><\/p><p>Hinzu kommt: Wie immer man die Position der dort t\u00e4tigen Uno-Hilfsorganisation UNRWA beurteilt, die sich derzeit gegen schwerwiegende Vorw\u00fcrfe Israels einer mangelhaften Abgrenzung vom Terror, bzw. einer Verstrickung darin, erwehrt: Auch in den von ihr betriebenen Schulen und auch in den vom Westen finanzierten Lehrmaterialien wurde nicht eine Erziehung zu Demokratie und Rechtsstaat gef\u00f6rdert.\u00a0<\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Wie heute die politische Situation aussieht, l\u00e4sst sich schwer ermitteln, denn zur sehr beeintr\u00e4chtigten Nachrichtenlage kommt zus\u00e4tzlich die prek\u00e4re Situation zahlreicher Binnenfl\u00fcchtlinge. Man h\u00f6rt bisweilen von offenen oder verdeckten Protesten gegen die Hamas, die f\u00fcr die heutige desastr\u00f6se Lage verantwortlich gemacht wird. Doch daraus das Wachsen eines nachhaltigen und vor allem politisch ausgereiften alternativen neuen Systems zu erwarten, w\u00e4re naiv.\u2028<\/span><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0\u2028<\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>LIPS: Welche L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr den Israel-Pal\u00e4stina-Konflikt halten Sie f\u00fcr realistisch? Wie k\u00f6nnten eine Ein-Staaten- oder Zwei-Staaten-L\u00f6sung konkret aussehen, und welche Herausforderungen w\u00fcrden sich dabei stellen?\u2028<\/b><\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>Prof. Bodenheimer:<\/b><\/span><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0<\/span><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Es wird bei den theoretischen Erw\u00e4gungen dar\u00fcber erstaunlicherweise oft \u00fcbersehen, dass es f\u00fcr tragf\u00e4hige L\u00f6sungen zumindest eine kritische Masse an Menschen in den unterschiedlichen Bev\u00f6lkerungen braucht, die sie engagiert mittr\u00e4gt. Daran scheint sich seit der Mitte des letzten Jahrhunderts kaum etwas ge\u00e4ndert zu haben. Derzeit halte ich keine der diskutierten L\u00f6sungen f\u00fcr aussichtsreich.\u00a0<\/span><\/p><p>Die Einstaatenl\u00f6sung widerspricht schon unserer historischen Erfahrung. Meine Generation hat eine Anzahl bi- oder multinationaler Staaten zerfallen sehen. Im Falle der Tschechoslowakei verlief dies friedlich, im Falle Jugoslawiens oder des Sudan \u00fcberhaupt nicht. Wir haben aber nur in einem Fall das friedliche Zusammenwachsen zweier Staaten gesehen, n\u00e4mlich im Fall des zuvor k\u00fcnstlich getrennten Deutschlands, und selbst dort, wo die Menschen ethnisch, sprachlich und historisch zusammengeh\u00f6rten, waren und sind die Reibungsverluste und politischen Herausforderungen enorm. Wie wollen Sie da zwei Gruppen, die sich gegenseitig nicht \u00fcber den Weg trauen und sich seit hundert Jahren bek\u00e4mpfen, k\u00fcnstlich in einen Staat packen? Das ist weltfremdes Wunschdenken.\u00a0<\/p><p>Doch auch die Zweistaatenl\u00f6sung hat heute keine guten Karten. Auf der israelischen Seite \u2013 und nur \u00fcber diese kann ich aus tieferer Kenntnis sprechen \u2013 ist sp\u00e4testens seit dem 7. Oktober auch bis weit in das sogenannte einstige Friedenslager hinein die Angst vorhanden, Pal\u00e4stinenser w\u00fcrden staatliche Unabh\u00e4ngigkeit vor allem nutzen, um ein hochger\u00fcstetes Aufmarschgebiet gegen Israel zu schaffen, wom\u00f6glich unterst\u00fctzt vom Iran. Die Ursache des ganzen Ungl\u00fccks ist das tiefsitzende Misstrauen auf beiden Seiten. Hinzu kommt, dass es auf beiden Seiten gen\u00fcgend Akteure gibt, die alles daf\u00fcr tun w\u00fcrden, um vertrauensbildende Massnahmen zwischen den Gesellschaften zu zerst\u00f6ren. Wir haben das in den 1990er Jahren durch pal\u00e4stinensische Selbstmordattentate und die Mordaktion eines j\u00fcdischen Attent\u00e4ters auf muslimische Betende in Hebron sowie durch den Mord an Ministerpr\u00e4sident Rabin erlebt.\u00a0<\/p><p>Wenn es etwas wie eine L\u00f6sung gibt, dann nur in einem breiter angelegten regionalen L\u00f6sungsprojekt.<span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0\u2028<\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>LIPS: Wie bewerten Sie die M\u00f6glichkeit eines R\u00fcckzugs israelischer Siedlungen aus dem Westjordanland im Vergleich zum R\u00fcckzug aus dem Gaza-Streifen im Jahr 2005? Welche Lehren sollten aus fr\u00fcheren Erfahrungen gezogen werden?\u2028<\/b><\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>Prof. Bodenheimer:\u00a0<\/b><\/span><b style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0<\/b><span style=\"text-align: var(--text-align);\">In der derzeitigen Konstellation sind die Siedlerinnen und Siedler weit \u00fcberproportional zu ihrem Bev\u00f6lkerungsanteil in der Koalition und der Regierung vertreten. Doch selbst nach Neuwahlen h\u00e4tten sie eine zu starke Lobby und Teile von ihnen auch eine zu hohe Gewaltbereitschaft, aber mittlerweile auch eine zu hohe Pr\u00e4senz von eigenen Leuten und Sympathisanten in der Armee, als dass ich mir das Aufl\u00f6sen von Siedlungen vorstellen k\u00f6nnte, die ja die Armee durchf\u00fchren m\u00fcsste. Vor zwanzig Jahren war der Widerstand der Siedler von Gaza noch ein gewaltloser und die Armeeangeh\u00f6rigen folgten den Anweisungen konsequent, doch das w\u00e4re heute in einem vergleichbaren Fall nicht mehr zu erwarten.<\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Doch das Problem liegt m.E. gar nicht in erster Linie dort, denn f\u00fcr das besiedelte Gebiet in der Westbank k\u00f6nnten alternative Gebiete im israelischen Kernland eingetauscht werden. Das Problem liegt haupts\u00e4chlich im schon geschilderten gegenseitigen Misstrauen. Wenn keine Seite daran glaubt, dass die andere Seite wirklich will, dass es am Ende f\u00fcr beide funktioniert und friedliche Koexistenz das oberste Ziel ist, dann ist die Sache a priori chancenlos.\u2028<\/span><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0\u2028<\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>LIPS: Trotz der Konfliktsituation gibt es Berichte \u00fcber Freundschaftsgruppen zwischen Pal\u00e4stinensern und Israelis. Wie k\u00f6nnten Empathie und gegenseitiges Verst\u00e4ndnis weiter gef\u00f6rdert werden, auch international?\u2028<\/b><\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>Prof. Bodenheimer:\u00a0<\/b><\/span><b style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0<\/b><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Lassen Sie mich verschiedene Aspekte trennen: Die israelisch-pal\u00e4stinensischen Beziehungsnetze sind nach dem 7. Oktober schwer besch\u00e4digt. Die Projekte, die gerade von manchen der ermordeten Bewohnerinnen und Bewohner der Kibbuzim ausgingen, haben nicht nur keine Fr\u00fcchte getragen, sondern zum Teil dem Ausspionieren der Kibbuzim zum Zweck eines effizienteren Massakers Vorschub geleistet. In Israel ist das Vertrauen in echte, unverbr\u00fcchliche Freundschaften mit Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern so niedrig wie wohl kaum je zuvor. Zugleich haben sich die Araberinnen und Araber mit israelischem Pass insgesamt durch den \u00dcberfall nicht, wie von der Hamas wohl erhofft, als \u00abf\u00fcnfte Kolonne\u00bb aufhetzen lassen. Damit haben sie implizit ein Bekenntnis zu Israel abgegeben. Zwar gibt es in letzter Zeit vermehrt Hinweise auf die Organisation terroristischer Zellen unter den arabischen Israelis, aber die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit ist an einem Bestehen und Funktionieren des israelischen Staates interessiert.\u2028<span style=\"color: rgba(0, 0, 0, 0); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, Segoe UI, Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, Helvetica Neue, sans-serif;\">\u00a0\u2028<\/span><\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>LIPS: Vor dem \u00dcberfall gab es in Israel wachsenden Widerstand gegen die Regierung Netanyahu. Wie sch\u00e4tzen Sie die aktuelle Stimmung in der israelischen Bev\u00f6lkerung ein, und f\u00fcr wie wahrscheinlich halten Sie politische Ver\u00e4nderungen in dieser angespannten Situation?\u2028<\/b><\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>Prof. Bodenheimer:\u00a0<\/b><\/span><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Wir k\u00f6nnten derzeit ein Kippmoment erleben, indem nach einem halben Jahr Krieg die nationale Solidarit\u00e4t, gepaart mit der Traumatisierung, die die Protestbewegung nach dem 7. Oktober lahmlegte, von einer nun noch w\u00fctenderen Protestwelle abgel\u00f6st wird \u2013 und anders als vor dem 7. Oktober, wo die Proteste gegen die Aush\u00f6hlung der Gewaltenteilung durch die Regierung gerichtet waren, wird nun das Ende der Regierung Netanyahu direkt gefordert.<\/span><\/p><p>Die Regierung hat es nicht geschafft, in dieser Krise an Statur zu gewinnen, sondern im Gegenteil ihre Unf\u00e4higkeit, Korruption und erschreckende K\u00e4lte gegen\u00fcber den Sorgen der Geiseln und ihren Angeh\u00f6rigen treten nur noch deutlicher zutage.\u00a0<\/p><p>Zugleich wird klar, dass die Regierung alles tun wird, um Neuwahlen zu verhindern, gerade auch aufgrund ihrer Unpopularit\u00e4t in den Umfragen. Die Situation ist innenpolitisch mittlerweile fast schon angespannter als vor dem Massaker. Doch es gibt in der ganzen Sache auch noch einige Unw\u00e4gbarkeiten, etwa ob es zu einer Ausweitung der Kriegshandlungen im Norden kommt, wo immer noch Zehntausende von Israelis wegen der Pr\u00e4senz der Hizbollah an der Grenze nicht in ihre H\u00e4user zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Damit w\u00fcrden die innenpolitischen Spannungen wohl notgedrungen in den Hintergrund treten.\u00a0<\/p><p>Doch selbst wenn es zu Neuwahlen k\u00e4me und Netanyahus Likud erwartungsgem\u00e4ss viele Sitze in der Knesset verlieren w\u00fcrde, w\u00e4re noch unklar, wie es weitergeht. Israels Parteienlandschaft ist volatil, und es dr\u00e4ngen voraussichtlich eine Reihe gem\u00e4ssigt rechter Politiker mit eigenen Parteien in die Knesset, was dazu f\u00fchren k\u00f6nnte, dass sich etliche Parteien neutralisieren, was Netanyahu in die H\u00e4nde spielen k\u00f6nnte. Aber das ist schon sehr weit gedacht.<\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>LIPS: In welchem Kontext sehen Sie die Handlungen der aktuellen israelischen Regierung in Bezug auf internationale Resolutionen und den Umgang mit dem Konflikt? Gibt es Parallelen zu anderen autorit\u00e4ren Regierungen?\u2028<\/b><\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>Prof. Bodenheimer:<\/b><\/span><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0<\/span><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Man muss verstehen, dass Israel mit einem gewissen Recht gegen\u00fcber internationalen Resolutionen eine Ablehnung aufgebaut hat, unabh\u00e4ngig von der Regierung, denn Israel wird in absurd unproportionaler Weise in der Uno mehr verurteilt als jedes andere Land. Aber das kann nat\u00fcrlich auch zu einer gewissen Selbstgerechtigkeit f\u00fchren. Dass die USA in einem bestimmten Fall auf ihr Veto verzichteten, ist jedenfalls besorgniserregend.\u00a0<\/span><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Ob man die israelische Regierung als autorit\u00e4r bezeichnen kann, weiss ich nicht. Gewiss w\u00e4re sie es gern, ist aber mit diesem Vorhaben bisher weitestgehend am zivilen Widerstand gescheitert. Aber es ist sicher so, dass die fehlende Bereitschaft, sich mit internationalen Playern zu akkordieren, von den Rechtsextremisten in der Regierung beeinflusst ist, denen sich Netanjahu beugt.<\/span><span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u2028<\/span><\/p><p><b>LIPS: Out-of-the-box gedacht: Was halten Sie von der Aussicht auf ein \u00abNew Middle East\u00bb, wie pr\u00e4sentiert von Prinzessin Reema bint Bandar al-Saud, Botschafterin in Washington, als Skizze an einer Konferenz im US-Skiort Aspen: ein prosperierender neuer Naher Osten, ein ebensolches Gebiet Rotes Meer und ebensolche afrikanische Nachbarstaaten \u2013 unter Einschluss von Pal\u00e4stina, wom\u00f6glich auch Israel (im Gegensatz zur Arabischen Liga, welche zun\u00e4chst der gemeinsame Feind Israel verband)? Dies nach einem Prozess, der zu einem vereinten, integrierten Nahen Osten als einem Block, \u00e4hnlich wie die Europ\u00e4ische Union, mit souver\u00e4nen Staaten und gemeinsamen Zielen f\u00fchrt.<\/b><\/p><p><span style=\"text-align: var(--text-align);\"><b>Prof. Bodenheimer:\u00a0\u00a0<\/b><\/span><span style=\"text-align: var(--text-align);\">Der Begriff \u201eNew Middle East\u201c ist eigentlich ein Begriff, der mich an den einstigen israelischen Ministerpr\u00e4sidenten Shimon Peres erinnert. Er hat 1994, im Kontext der Hoffnungen des Oslo-Abkommens mit den Pal\u00e4stinensern, ein Buch mit diesem Titel ver\u00f6ffentlicht. Wenn der Begriff nun wieder aufkommt, kann man einerseits trauern, dass dreissig Jahre vergangen sind und viel Blut geflossen ist, bevor er nun von anderer Seite wieder genannt wird.<\/span><\/p><p>Ich habe ja selbst auch zuvor gesagt, dass ich mir eine Zukunft nur in einem gr\u00f6sseren regionalen Rahmen vorstellen kann. Daf\u00fcr w\u00e4re zun\u00e4chst wichtig, dass Israel die Unterst\u00fctzung der USA und seine wirtschaftliche Potenz nicht verliert, denn ohne diese hat das Land weniger Gewicht in einer solchen Konstellation.\u00a0<\/p><p>So vorsichtig man bei Initiativen eines Landes wie Saudi-Arabien mit seiner verheerenden Menschenrechtsbilanz und eigenen fundamentalistischen Tendenzen sein muss, letztlich geht meiner Ansicht nach die Zukunft im Nahen Osten, sofern sie f\u00fcr die Menschen ein Entkommen aus Hass, Tod und Zerst\u00f6rung bringen soll, in diese Richtung. Israel kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen.<span style=\"text-align: var(--text-align); color: var(--sydney-text-color); font-family: -apple-system, BlinkMacSystemFont, 'Segoe UI', Roboto, Oxygen-Sans, Ubuntu, Cantarell, 'Helvetica Neue', sans-serif;\">\u00a0<\/span><\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Bodenheimer ist Professor f\u00fcr J\u00fcdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universit\u00e4t Basel und Leiter des Zentrums f\u00fcr J\u00fcdische Studien LIPS: Am [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[5,9],"tags":[],"class_list":["post-1281","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-interview"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lips-org.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1281","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lips-org.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lips-org.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lips-org.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lips-org.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1281"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.lips-org.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1281\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1312,"href":"https:\/\/www.lips-org.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1281\/revisions\/1312"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lips-org.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1281"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lips-org.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1281"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lips-org.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1281"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}